Die Station 4a des Krankenhauses hat 16 Betten, 1 Oberarzt, 2 Assistenzärzte und 4 Schwestern pro Schicht. Nach meiner Ankunft, ich wurde sehr freundlich empfangen, ging es sofort mit zur Visite. Ich war überrascht, wieviel Zeit sich Herr Dr. H. für die Patienten nahm, so wurde, neben dem Zustand und dem Krankheitsverlauf, auch viel persönliches besprochen. Von der oft erwähnten mangelnden Zeit im Krankenhaus für die Patienten keine Spur.
Der bei der Visite besuchte Patient ist 45 Jahre und Raucher, er kam ins Krankenhaus wegen akuter Dyspnoe (Atemnot). In der Echokardiographie konnte man eine leichte Herzinsuffizienz erkennen, jedoch hat der Patient keine KHK (Koronare Herzerkrankung), also „Verstopfung der Gefäße“ (Artherosklerose). Die Methode „Late enhancement“, eine Methode der Magnetresonanztomographie wurde einerseits ein Herzinfarkt ausgeschlossen – man kann mit dieser Methode Kontrastmittel totes Herzgewebe sichtbar machen („white is dead“) – andererseits ergab sich dabei ein Verdacht auf Myokarditis (Herzmuskelentzündung).
Der Assistenzarzt Dr. H., äußerste die Vermutung ein Virus könnte die Myokarditis, als Folge die Pumpschwäche und damit die Dysnpnoe ausgelöst haben. Um dies zu Klären wird Gewebe des Herzmuskels mit einer kleinen Nadel entnommen (Biopsie des Myokards). Anschließend wird noch eine Echokardiographie durchgeführt, um ein Peridkarderguß (Füllung des Herzbeutels mit Flüssigkeit, bspw. Blut, welches die Herztätigkeit stark einschränken kann (->u.U. lebensbedrohend) auszuschließen.
Für eine Therapie einer Virusinfektion, müsste der Patient sich mittelfristig sehr schonend verhalten – keine Anstrengungen und weitere Belastungen – bis der Infekt ausgeheilt ist. Bei sehr kranken Patienten mit schlechtem Allgemeinzustand würde mit antiviralen Medikamenten versucht werden die Heilung zu unterstützen.
Sollte die Biopsie keinen positiven Befund zeigen, so bliebe noch die Möglichkeit eines genetischen Defektes, der Herzerkrankungen befördert.
So analysierte Herr Dr. H. im Anschluss an die Visite die Krankengeschichte des Bruders und des Vaters des Patienten, anhand von zugesandten Arztbriefen und Dokumenten. Beide Angehörige erlitten einen Vorderwandsaneurisma („Infarkt der Herzspitze“) verbunden mit Dyskinesie (reduzierte Aktivität des Muskels).
Interessant war dabei der Fakt, dass die, bei einem der Patienten duchgeführte Szintigraphie den Herzinfarkt nicht erkannte – eine teure, für den Patienten risikoreiche, da mit Strahlen behaftete Untersuchung, die nicht zum gewünschten Erfolg führte. Eine andere Diagnostische Methode entdeckte den für den Infarkt verantwortlichen Trombus und leitete eine medikamentöse Behandlung mit Heparin und später dann Marcumar zur Blutverdünnung ein, die nach einem Jahr eingestellt wurde. Nach diesem Zeitpunkt ist davon auszugehen, dass sich der Trombus nicht mehr aus dem System löst, und somit die Gefahr einer Stenose (Gefäßverschluss) an einem anderen Ort reduziert ist.
Der Befund der Biopsie bleibt abzuwarten. In jedem Falle ist die Krankheitsgeschichte der Angehörigen ein Indiz für eine erblich bedingte Anfälligkeit für Herz- / Kreislauferkrankung, die in Folge mit einer langfristigen medikamentösen Behandlung zur Reduzierung der Blutgerinnung behandelt werden könnte.
Während ich Herrn Dr. H bei der Durchsicht der Akten zusah, arbeitete die Fr. S., die ihr Praktisches Jahr im Krankenhaus absolviert, eine Akte eines neu auf die Station gekommenen Patienten durch.
Wie ich dann erfuhr hatte dieser schon etwas ältere Patient ein Aortenaneurysma und gerade auf der Intensivstation eine schwere Lungenentzündung durchgestanden, die massiv mit Antibiotika bekämpft wurde. Das Aneurysma, welches thorakal-abdominal auftrat, wurde in einem Uni Klinikum in einer anderen Stadt operativ behandelt, wobei eine so genannte Octopusprothese verwendet wurde – was das genau ist, habe ich noch nicht herausgefunden, hat sich aber lustig angehört.
Der Besuch im Zimmer des Patienten war für mich etwas wie ein Kulturschock. Bis dahin hatte ich eine solche Situation noch nicht erfahren und mich auch noch nicht damit auseinander gesetzt. Dem ältere Herrn, er war bei vollem Bewusstsein, ging es nicht gut. Er war bettlägerig und nicht imstande zu kommunizieren. Auch war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt mit zur Diagnose in das Patientenzimmer gehen sollte. In seiner Situation hätte ich das sicher nicht gewollt. Ich bin dann aber doch mitgegangen, und war aber sehr angespannt. Herr Dr. H. und Fr. S. führten verschiedene Reflextests durch. Unterschiedliche Ausprägungen rechts, links hätten auf cerebrale Schäden (Schäden im Gehirn) bspw. durch einen Schlaganfall hingedeutet. Auch wurde der Patient nach Ödemen an den Beinen untersucht. Ödeme sind anzeichen für eine Herzinsuffizienz. Der Patient hatte zudem Diarrhöe, die einerseits durch die künstliche Ernährung ausgelöst werden kann, andererseits aber auch eine Folge der starken Antibiotika sein könnten. Eine Stuhlprobe soll hier Klarheit bringen.
Das Krankenhaus ist sehr modern und wird zudem gerade renoviert. So gibt es bspw. im Schwesternzimmer ein zentrale Monitoringeinheit welche die EKG und Blutdruckwerte der Patienten auf Station zentral erfasst. Mir ist aber auch aufgefallen, dass die IT Landschaft sich noch sehr von einer ganzheitlichen Anwendung unterscheidet. Die Assistenzärzte verbringen sehr viel Zeit am Computer, auch weil sie „bugfixer“ für verschiedene IT-Anwendungen sein müssen. Ein Anruf im Labor, die Maske für Blutgerinnung druckt, wenn man alle erforderlichen Parameter haben will, nur ein Etikett aus. Eigentlich bräuchte man aber drei Proben. Viel muss in Word manuell verfasst werden und die in Aktenordnern vorliegenden Patientenakten sind teilweise unvollständig. Bei dem o.g. Patienten, der mit der Pneumonie von der Intensivstation kam, lies sich bspw. die Krankheitsgeschichte nicht ohne Weiteres rekonstruieren. Die Akten waren unvollständig und digitale Dokumente wurden offenbar überschrieben. So entstehen eine Menge Reibungsverluste und die Produktivität der Wissensträger Arzt wird somit stark eingeschränkt. Für ein Unternehmen wäre ein solcher Einsatz von wissensintensiven Produktionsfaktoren ein absolutes Killerargument!!
Nachmittag war ich noch auf einer Herzkonferenz. Die Ärzte der Kardiologie und Herzchirurgie treffen sich um gemeinsam einzelne Fälle zu besprechen und Maßnahmen zu diskutieren. Themen waren bspw. ob das Risiko einer Bypass-OP tragbar sei. Offenbar war der Patient bereit das Risiko zu tragen, die Gefäßwände aber schon sehr sklerotisch. Ein anderes Mal wurde ebenfalls Bypässe diskutiert. Diesmal bei einem Patienten mit künstlichen Herzklappen. Begleitend wurden immer kleine Filme aus dem Katheterlabor mit Kontrastmittelzugabe gezeigt (ACOM PC – SIEMENS AG) – sehr interessant. Die Herzklappen waren deutlich zu erkennen.
In einer Fortbildung am Abend lernte ich dann noch etwas über die Wirkung von Viagra bei pulmonaler Hypertonie.
Es ist ein tolles Erlebnis hier – ich lerne eine Menge. Morgen werde ich in die Funktionsabteilungen gehen und dann am Mittwoch an einer Herz OP teilnehmen werde – Mitralklappenrekonstruktion, oder wenn das nicht klappt dann einsetzen einer künstlichen Herzklappe. Man hat mir schon empfohlen unbedingt zu frühstücken und mindestens einen Liter zu trinken…